Fastnachtsbräuche
Wie das Verkleiden haben weitere Bräuche, wie der Faschingstanz oder die Büttenrede Tradition. Karneval ohne Kostüme - das ist undenkbar. Wie das Verkleiden haben aber auch der Faschingstanz, die Büttenrede oder das Zempern zur Fastnachtszeit vielerorts Tradition. Aber wo kommen die teils Jahrhunderte alten Bräuche eigentlich her? Wie sind sie entstanden? Horst Blawitzki, Landesarchivar des Verbandes Sächsischer Carneval (VSC) hat Antworten auf diese Fragen. Er arbeitet im Brauchtums- und Traditionsausschuss an der Erforschung der Wurzeln und Quellen der Fastnacht in Sachsen. Der 74-Jährige erklärt die fünf allgemeinen Merkmale der Fastnachtszeit.
Das Vermummen oder Kostümieren ist wohl der offensichtlichste Brauch zur Faschingszeit. Ob als Cowboy, Klempner oder Clown - wer sich verkleidet, durchbricht damit nicht nur gesellschaftliche Gepflogenheiten. Er offenbart auch etwas von seiner Persönlichkeit. "Beim Karneval kann man aus der eigenen Haut schlüpfen und sich als jemand zeigen, der man gerne wäre", so Blawitzki. Das Vermummen selbst sei bereits aus vorchristlichen Bräuchen bekannt, so zum Beispiel der "wilde Mann" der den Dämonen verkörperte. Historisch gesehen, ist der Rollentausch jedoch eher gesellschaftlichen Ursprungs: "Schon immer haben sich beim Fasching die Armen gerne als Reiche verkleidet. Aber auch für die Wohlhabenden wurde es irgendwann reizvoll, in das Kostüm des Bettlers zu schlüpfen. Sie wollten einen Perspektivwechsel." Diese verkehrte Welt war allerdings ausschließlich zur Fastnachtszeit möglich. Denn nur dann konnte man sich hinter einer Maske unerkannt unter die Massen mischen.
Das Lärmen zum Karneval ist nicht nur eine Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Es diente ursprünglich auch der Vertreibung von Dämonen . "Früher glaubten die Menschen daran, dass diese für die Jahreszeiten verantwortlich sind. Mit viel Lärm wollten sie die bösen Dämonen und damit auch die Kälte verjagen." Während damals allerlei Gegenstände benutzt wurden, um Krach zu erzeugen, übernahmen später Instrumente wie Pauken oder Trompeten diese Funktion. Daraus entwickelte sich schließlich auch die karnevals-typische Guggemusik, die wenig Wert auf Harmonie und Melodie legt. Viel Wert legen die Karnevalisten dagegen auf ihren Narrenruf. Denn er ist nicht nur Ausdruck eines Gemeinschaftsgefühls, sondern macht auch den Karneval unverwechselbar. Auf ihren Schlachtruf "Leila helau" (Leipzig lacht herzlich und laut) sind die Narren aus der Messestadt besonders stolz.
Das Rügen und damit die Kritik an der staatlichen, kirchlichen oder gesellschaftlichen Ordnung ist zur Fastnachtszeit besonders ausgeprägt. Die am meisten verbreitete Form ist wohl die Büttenrede, die zu vielen Faschingsprogrammen fest dazu gehört. "Dabei werden aktuelle Zustände und Probleme aufs Korn genommen - von der Bundespolitik bis zur Baustelle vor der Haustür", erklärt Brauchtums-Forscher Blawitzki. "Beleidigt wird jedoch in der Regel niemand." Zurück geht dieser Brauch auf die Hofnarren, die als Einzige das Recht hatten, dem Fürsten die Wahrheit zu sagen. Diese Narrenfreiheit wird auch heute noch in den Karnevalsvereinen ausgelebt. Zu den bekanntesten Formen zählt das Narrengericht, bei denen ehrbare Bürger vorgeführt und mit Geldstrafen für einen guten Zweck belegt werden.
Beim Heischegang oder Zempern geht es oft ebenfalls um Geld, hier jedoch in Form von Spenden. Kostümierte Gruppen ziehen mit Musik und Gesang von Haus zu Haus und bitten als Dankeschön um Lebensmittel oder eine kleine finanzielle Gabe. "Die Durchführung dieses Brauchs ist jedoch regional sehr unterschiedlich", weiß Blawitzki. Im Vogtland und im Erzgebirge, wo das so genannte Steckeneirecken (hochdeutsch: "den Stock hinhalten") gepflegt wird, sammeln zum Beispiel Kinder auf ihrem Rundgang Brezeln an einem Fichtenast. Im Norden von Sachsen hingegen wird der Brauch meist auch von Erwachsenen durchgeführt. Dem Hausherrn spendiert die Zempergesellschaft dort in der Regel einen Schnaps. Auf die Frau wartet ein Kuss oder ein Tänzchen.
Der Tanz ist eine Besonderheit des sächsischen Karnevals, erklärt Blawitzki. "Zwar ist die rhythmische Bewegung in der Faschingstradition anderer Bundesländer auch vorhanden, aber bei uns ist sie besonders stark und in vielfältigen Formen ausgeprägt", weiß der Fachmann zu berichten. So gibt es neben den standardmäßigen Gardetänzen, die militärischen Ursprung haben, auch ständig wechselnde Schautänze, die sich dem jeweiligen Karnevalsmotto unterordnen. Besonderes Highlight vieler Faschingsveranstaltungen sind allerdings die Männerballette, bei denen sich die Herren der Schöpfung oft in Frauenkleidern präsentieren. Allgemein sind es jedoch nicht nur die Akteure auf der Bühne, die sich bei den Tanzeinlagen bewegen. Auch die Zuschauer werden zum Mitmachen animiert. Früher, als die Fastnachtsveranstaltungen noch im Freien stattfanden, hatte das vor allem praktische Gründe, so Blawitzki. "Wer sich bewegt, dem wird schließlich nicht so schnell kalt. Und gute Laune macht es sowieso."
